Download.jpg

QuartierPflege

Ein Leipziger Modellprojekt für Nachbarschaftlichkeit in der Pflege

heidehof-stiftung.jpg
old-people-couple-together-connected.jpg
Bildschirmfoto+2019-02-27+um+09.49.39.jpg

Nachbarschaft ist eine Antwort

Verschiedene Studien prognostizieren eine Personallücke zwischen 250.000 bis 400.000 Pfleger*innen bis zum Jahr 2030.

Diese Lücke kann durch Neueinstellungen in dieser kurzen Zeitspanne nicht annähernd geschlossen werden.

Eine von vielen sinnvollen Antworten auf diese Herausforderung ist eine bessere Mobilisierung von nachbarschaftlichen Sorge-, Hauswirtschafts- und Pflege(hilfs)leistungen.

Lösungsansatz

Es gibt viele Studien und Projekte zum Quartiermanagement sowie zur Belebung von Nachbarschaft. Auch zum Übergang zwischen Wohnquartier und Pflegeeinrichtungen gibt es viele Lösungsansätze. Unserer Kenntnis nach gibt es jedoch kein Modell, wie die Bewohner*innen eines Nachbarschaftsviertels sich untereinander so abstimmen und verzahnen können, dass die Annahme von Hilfsleitungen, Pflege und der mögliche Übergang vom Wohnquartier in Pflegeeinrichtungen durch Nachbarschaft gestützt, getragen und organisiert werden kann. 

Weil die Rechtsform Genossenschaft bereits Kooperation und Mitbestimmung bedingt, wählen wir eine Wohnungsbaugenossenschaft als Partner. Genauer ein Quartier von 500 bis 1.500 Menschen, wo Nachbarschaft erfahrbar ist und gelebt wird. 

Die Ergebnisse des Projektes sollen für die örtliche Genossenschaft im Quartier direkt umsetzbar sein.

Projektablauf 

Das Projekt läuft von Februar 2019 bis September 2020. Von Februar bis April 2019 kontaktieren wir Expert*innen, Verbände und Genossenschaften, um sie als Projektteilnehmer*innen zu gewinnen. Von April bis Juni 2019 stimmen wir Themengebiete ab und formulieren erste Lösungsansätze. 

Die monatlichen Diskussionen starten wenn möglich vor der Sommerpause 2019 und laufen über einen Zeitraum von 13 bis 15 Monaten. Jede Veranstaltung wird vor- und nachbereitet, so dass nicht nur Anwesende, sondern alle Bewohner*innen im Quartier in den Modellentwurf einbezogen werden können. Das realisieren wir über Hausbesuche, Flyer, Emails und soziale Medien sowie Podcast-Aufnahmen. 

Bis Ende 2020 soll das Modell mit der Genossenschaft abgestimmt sein und eventuell durch eine  Entscheidung der Mitgliederversammlung in Umsetzung kommen. 

Breite Beteiligungskultur

Wir setzen auf ein offenes, gleichberechtigtes Gesprächsformat mit den Bewohner*innen, um eine breite Beteiligung am Projekt zu organisieren. Die Bewohner*innen können über mehrere Gesprächsrunden hinweg die Ergebnisse des Projektes selbst bestimmen. Dazu werden pro Veranstaltung Szenarien entwickelt, über die am Ende des Abends zur Probe entschieden werden soll. 

Jede einzelne Diskussionsrunde wird über Dossiers, Kommentare und Expertenbeiträge vorab wie im Anschluss aufbereitet, so dass einzelne Veranstaltungen zu einem mehrspurigen Prozess werden. Durch den anhaltenden Dialog kann konkretes Feedback oder ein nachträglicher Vorschlag über einen längeren Zeitraum diskutiert und geklärt werden, um dann in die Entwicklung des Pflegemodells einzufließen.

Eckpfeiler des Modells 

Während des Projektverlaufs sollen praktikable Prozesse entwickelt werden, die für die Bewohner*innen vor Ort so sinnvoll sind, dass sich eine Mehrzahl daran beteiligt. Gleichzeitig müssen die Prozesse mit der Verwaltung der Genossenschaft abgestimmt sowie dauerhaft umsetzbar und finanzierbar sein.

Uns stellen sich eine Reihe von offenen Fragen, die in Zusammenarbeit mit Expert*innen und der Genossenschaft zu klären sind:

Bis zu welcher Pflegegrad wird Wohnen im Quartier ermöglicht?

  • Welche Wohnformen werden dafür im Quartier benötigt?

  • Wie werden diese bedarfsgerecht vergeben?

  • Wie kann ein Mehrgenerationen-Ansatz integriert werden? 

Wie soll das Verhältnis aus Nachbarschaft, familiärer Hilfe und ambulanten Diensten beschaffen sein? 

  • Welche Leistungen übernimmt die Nachbarschaft (soziale Hilfestellung, Alltagsbegleitung oder auch Pflegeleistungen)?

  • Wie sieht der Übergang zu ambulanten Diensten oder einer Pflegeeinrichtung aus? 

  • Wie wird die Familie eingebunden (Planung, Leistungsauswahl, Übernachtungsmöglichkeit, Parkplatz, Essen)?

  • Führt die Genossenschaft ein Zeit- oder Tauschkonto oder wird über Geld abgerechnet?

Welche Dienste übernimmt die Genossenschaft zentral?

  • Wird der ambulante Pflegedienst zentral ausgewählt und geführt? 

  • Soll eine Pflege- und Wohnberatung genossenschaftlich aufgebaut sein? 

  • Gibt es ein genossenschaftliches Case-Management? 

Wie finanziert sich das Modell langfristig?

  • Werden Pflegebeiträge der Genossenschaftsmitglieder verwendet? 

  • Werden Förderungen für Alltagsbegleitung oder Nachbarschaftshilfe integriert? 

etc. 

Warum sollte sich die Genossenschaft beteiligen? 

  1. Für die Genossenschaft bietet sich die Möglichkeit, allgemeine Lösungsansätze kostenlos in die internen Abläufe übersetzt zu bekommen. Der Projektleiter hat am Institut für Genossenschaftswesen in Münster studiert und promoviert, kennt den Sektor also gut. 

  2. Versierte und erdverbundene Fachleute stellen in den Diskussionsrunden Know-how zur Verfügung, das die Gestaltung von Nachbarschaft und Pflege nachhaltig zum Positiven verändern könnte.

  3. Mit der Beteiligung profitiert die teilnehmende Genossenschaft direkt von der Förderung der Heidehof Stiftung über Zeit und Expertise. Der sächsische Verband der Wohnungsbaugenossenschaften sowie das Sozialministerium und die Stadt Leipzig sind informiert und unterstützen das Projekt. Die Ergebnisse kommen nach Auswertung des Projektes allen Genossenschaften zugute.

  4. Der Zeiteinsatz für die Genossenschaftsverwaltung und die Mitglieder ist überschaubar und planbar. Die Diskussionsrunden werden ungefähr monatlich stattfinden. Die Moderation sowie die Vor- und Nachbereitung kann vollständig vom Projekt übernommen werden. Eine 2 bis 3-stündige vorherige Abstimmung pro Veranstaltung wird erwartet. Eine stärkere Einbindung ist gewünscht und wird, falls erforderlich, entgolten. 


 

Kooperierende Expert*innen

 
© Bosold Pflege GmbH

© Bosold Pflege GmbH

Tobias Bosold, Geschäftsführer der Bosold Pflege GmbH

Seit 1986 ist er Krankenpfleger und Pflegedienstleiter (PDL), hält einen BA Pflegemanagement und ist an der Implementierung des Buurtzorg-Pflegemodells (sich selbst organisierendes Nachbarschafts-Pflegemodell) in Leipzig Connewitz beteiligt.

Tobias Bosold wird uns im Bereich professionelle Pflege nach SGB 11 und 5 unterstützen und seine Erfahrungen aus der Leitung eines ambulanten Pflegedienstes einbringen.

Dabei kommt es ihm auf gute Vor-Ort-Beratung, Vernetzung und die richtigen Kooperationspartner an. Wichtig sei zudem aus bereits erarbeiteten Modellen Inspiration zu schöpfen. Eine praktische Umsetzbarkeit sowie eine gute Dokumentation und wissenschaftliche Begleitung des Projektes seien nötig.


© Stefanie Schmidt

© Stefanie Schmidt

Dr. Sonja Menzel

Sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin und als Projektentwicklerin seit 1994 mit Wohnungsgenossenschaften bzw. speziell auch mit der Gründung von neuen genossenschaftlichen Wohnprojekten befasst.

Frau Menzel engagiert sich in der Bildungsgenossenschaft innova eG, im Arbeitskreis Integriertes Wohnen e.V. und im Bundesverein zur Förderung des Genossenschaftsgedankens e.V., so dass sie viel genossenschaftliche Expertise mitbringt.

Im aktuellen Projekt unterstützt sie uns mit gelungenen Beispielen von Selbsthilfe und Selbstverantwortung, bei Partizipationsprozessen der Mitglieder und bei der Gestaltung der Kooperationsbeziehungen der Akteure im Quartier

Wichtig ist ihr die Genossenschaft und ihre Mitglieder vor Ort zu begeistern sowie dafür zu sorgen, dass die Expert*innen im Projektverlauf sukzessive überflüssig werden.


© https://dcn.medizin.uni-halle.de

© https://dcn.medizin.uni-halle.de

Dr. rer. med. Stephanie Heinrich

Als Krankenschwester und Diplom Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Halle interessiert sich Frau Heinrich insbesondere für die Themen Demenz, ambulante Versorgung, aufsuchende Hilfe und Quartierentwicklung.

Ihrer Erfahrung nach, ist der Einbezug von Ehrenamt oft schwierig und selten ohne Aufwandsentschädigungen dauerhaft zu gewährleisten. Wichtig ist ihr, Demenz bei der Gestaltung und Einbeziehung von ambulanten Hilfen gleich mitzudenken.

Ein gutes Ergebnis des Projektes wären verlässliche Strukturen und Angebote, kontinuierliche Ansprechpartner*innen sowie eine breite Bekanntheit im Quartier.


© https://www.pflege-in-leipzig.de/

© https://www.pflege-in-leipzig.de/

Robert Wolf, Assistent der Geschäftsführung Bosold Pflege GmbH

Er ist geprüfter Fachwirt des Gesundheits- und Sozialwesen, hält einen Magister in Politikwissenschaften und ist examinierter Krankenpfleger. Seine Expertise liegt darin, Strukturen, Akteure & Finanzierungsformen im Gesundheitssystem zu kennen und diese für das Modellprojekt fruchtbar zu machen.

Ihm ist es wichtig, einen offenen, wertschätzenden Austausch aller professionellen, institutionalisierten und nicht-professionellen bzw. ehrenamtlichen Akteuren zu organisieren.

Persönlich sieht Herr Wolf momentan in der Gesundheits- und Sozialpolitik viele offene Fragen, ohne dass auch nur in Ansätzen zukunftsweisende Ideen in einem politischen Diskurs münden würden. Daher sei jetzt ein guter Zeitpunkt, um gemeinsam, aktiv und dezentral, lokale Strategien und Strukturen für Hilfebedürftige und Helfende zu entwickeln. Wenn die Ergebnisse unseres Projektes in (Sozial- und Kommunal-)Politik münden, so dass Lebens- und Arbeitsverhältnisse und damit die Bedürfnisse der Betroffenen berücksichtigt werden, sei das ein toller Erfolg.

© Deutscher Ethikrat/ Foto Reiner Zensen

© Deutscher Ethikrat/ Foto Reiner Zensen

Prof. Dr. phil. Gabriele Meyer

Sie leitet an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg das Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft. Frau Meyers Expertise ergibt sich aus Forschungen zu Gesundheits- und Pflegefragestellungen des höheren Lebensalters (Demenz, Sturz und sturzbedingte Verletzungen, Gelenkkontrakturen, ethische Fragen und soziale Teilhabe).

© https://dcn.medizin.uni-halle.de

© https://dcn.medizin.uni-halle.de

Anja Bieber, MSc Dementia Studies, Diplom-Pflegewirtin

Frau Bieber ist außerdem Case Management Ausbilderin (DGCC) und staatlich anerkannte Altenpflegerin, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Frau Meyer Forschung zur Pflege und Versorgung von Menschen mit Demenz, zu Case Management für Menschen mit Pflegebedarf und zu kommunaler Altenhilfe betreibt.

Gemeinsam sehen sie sich für die Themen "Leistungen der Nachbarschaft" und "Zentralisierung von Leistungen" verantwortlich. Wichtig sei dabei eine Abgrenzung von nachbarschaftlicher Unterstützung zu professioneller Pflege und Versorgung. Hierbei kann auf vorhandene Erfahrungen zurückgegriffen werden, wie z.B. dem sächsischen Projekt Nachbarschaftshilfe. "Zentralisierung von Leistungen": Hier sollte koordinierte Leistungssteuerung im Vordergrund stehen. Der Einsatz von Case Management könnte die Leistungserbringung unterschiedlicher Dienstleister individuell bedarfsgerechter steuern. 

Die Planung der Diskussionsveranstaltungen könnte mit einer Recherche zu nationalen und internationalen Gute-Praxis-Beispielen unterstützt werden.


© http://arbeits-gruppe.de/architekten_ingenieure

© http://arbeits-gruppe.de/architekten_ingenieure

Juri Kuther, Architekt, Dipl. Ing. M.A.

Seine Rolle ist es räumlich bzw. bauliche Aspekte in das Projekt einfließen zu lassen. Das Entwickeln von Konzepten und das Entwerfen von Räumen ist ein Hauptbestandteil seiner Arbeit. Seine Stärken liegen darin, diese doch recht komplexen Prozesse zu veranschaulichen um alle Beteiligten und letztlich davon "Betroffenen" so weit wie möglich zu integrieren.

Die Herausforderung wird darin bestehen diese Eigenschaften herauszuarbeiten, und zusammen mit allen Projektbeteiligten räumliche Konzepte zu entwerfen und diese wenn möglich auch umzusetzen.

Im Freundeskreis so wie in seiner Familie wird viel im Pflegebereich gearbeitet. Daher setzt er sich fast täglich mit diesem Thema auseinander und ist sehr daran interessiert, welche Rolle hier Architektur spielt und was sie leisten kann.


© Juliane Stubner

© Juliane Stubner

Juliane Stubner, M.Sc. Urbanistik

Examinierte Krankenschwester, Urbanistin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der MLU Halle-Wittenberg. Ihre Expertise ist Sozialraum- und praxisorientierte Forschung in Bezug auf senioren- und demenzgerechte Stadt- und Kommunalplanung (vor allem in der Schnittstelle zwischen sozialwissenschaftlicher Stadtforschung und Pflege.

Im Fokus steht für sie eine bedarfsgerechte Quartierentwicklung aus nachbarschaftlichem, familiärem und professionellem Zusammenwirken.


Blog zu Modellprojekt QuartierPflege