Projekt QuartierPflege Pilot Leipzig
Ziele und Zeitschiene des Projektes
In zwei ausgewählten Kleinquartieren hatten wir uns vorgenommen, eine Anzahl von 75 Pflegebedürftigen über ein gesteuertes und angeleitetes Nachbarschaftsnetzwerk zu unterstützen. Dieses Ziel verfolgen wir seit 2022. Stand Frühjahr 2026 betreuen wir rund 90 Sorgegemeinschaften in der Umgebung.
Die ursprüngliche Idee war es ein Netzwerk von 250 bis 350 Nachbar:innen zu mobilisieren, die nachbarschaftliche Sorge-, Hauswirtschafts- und Grundpflegeleistungen erbringen. Von diesem Ziel sind wir abgerückt, weil sich die ursprünglichen Kooperationen mit Diakonie und Caritas Leipzig in Konkurrenz gewandelt haben. Über unseren inzwischen langjährigen Kooperationspartner ABE Zuhause gGmbH organisieren wir heute ein Netzwerk von rund 150 Nachbar:innen.
Unser Projektziel war es nicht, die gesamte pflegerische Versorgung für diese Personengruppe zu übernehmen, sondern bestehende Pflegestrukturen so zu flankieren, dass professionelle Dienste sich auf anspruchsvolle pflegerische Tätigkeiten konzentrieren können.
Am Standort Leipzig wollten wir insbesondere zeigen, dass wir Sorgegemeinschaften erfolgreich aufbauen und betreuen können. Dabei standen Prozesse für Pflegelots:innen und Netzwerkaufbau im Fokus.
Was wir nicht testen konnten und wollten, war die Umsetzung als alternative, krisenfeste pflegerische Grundversorgung, wenn ambulante Pflegedienste ab 2030 oder früher nicht mehr in ausreichender Anzahl verfügbar sind.
Über unser QuartierPflege-Projekt mit dem Landkreis Landsberg setzen wir genau diesen Aspekt als kommunales Tochterunternehmen mit Pflegelots:innen in den angegliederten Gemeinden um.
Wirkungen
Aus der QuartierPflege ergeben sich folgende Verbesserungen für unsere Zielgruppen als auch die Pflegebranche:
Durch den Fokus auf 1.500 bis 2.500 Einwohner:innen pro Quartier schaffen wir wohnortnahe Beratung, Begleitung und Koordinierung, also eine Pflegelotsen-Funktion direkt vor Ort.
Die abgestimmte Teamarbeit von Nachbar:innen für Menschen mit Pflegebedarf führt zu Austausch und vertieften sozialen Beziehungen. Die soziale Teilhabe im Quartier erhöht sich deutlich und damit auch Austausch zwischen Menschen mit Pflegegrad und ohne.
Der regelmäßige Erfahrungsaustausch zwischen den Nachbar:innen der QuartierPflege trägt wesentlich zur Vertiefung und Erweiterung des Wissens und zur Professionalisierung der Laienpflege bei.
Die Gelder der Pflegeversicherung bieten über das Modell der QuartierPflege ein enormes Potential, den Zusammenhalt vor Ort zu stärken. Ein wertschätzendes gesellschaftliches Umfeld und wachsendes Verständnis füreinander führen zu mehr Zeit, mehr Sorge, mehr Aufmerksamkeit durch bekannte Gesichter aus der Nachbarschaft.
Wissenschaftliche Begleitung
Die wissenschaftliche Flankierung des Projektes erfolgte in der Aufbauphase gemeinschaftlich über die TU Chemnitz und die HTWK Leipzig. Dabei ging es uns sowohl um eine intensive Auseinandersetzung mit den Motiven und Bedürfnissen der betroffenen Personen als auch um (standardisierte) kleinräumliche bauliche Veränderungen in Kleinquartieren.
In der Umsetzungsphase wird die wissenschaftliche Begleitung im Rahmen des Projektes QuartierPflege IT-Systemlandschaft Phase II durch die HAW Hamburg sichergestellt.
Mehr zur QuartierPflege am Standort Leipzig finden Sie unter folgendem Link:
Pilotierte Quartiere und Zugang zur Zielgruppe
Straße des 18. Oktober – Messemagistrale
Die ca. 1.600 durch die LWB verwalteten Wohnungen entlang der Str. des 18. Oktobers und einiger Nebenstraßen wurden komplett in Plattenbauweise der 70er Jahre in 11- und 16-geschossiger Bauweise errichtet und zu Ende der 90er Jahre umfassend saniert. Statistisch gesehen liegt das Wohngebiet im Ortsteil Süd-Ost, welcher insgesamt 14.300 Wohnungen umfasst.
Südvorstadt
Unmittelbar angrenzend und im Einzugsbereich des QuartierPflege-Büros in der Straße des 18. Oktober befindet sich der heterogene, lebendige und bevölkerungsreichste Stadtteil Leipzigs, die Südvorstadt. Mittlerweile gilt das Viertel als eines der saniertesten der Stadt, geprägt von historischen Altbauten, die seit 1900 kontinuierlich saniert wurden, und modernen, seniorengerechten Wohnungen. Aufgrund seiner Nähe zum Zentrum und zur Universität Leipzig, der vorhandenen Grünflächen und der guten Verkehrsanbindung bietet es Wohnraum für viele Studierende, aber auch für ältere Menschen. Der relativ hohe Anteil an Bewohner: innen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren bietet eine gute Basis für nachbarschaftliches Engagement im Rahmen der QuartierPflege, das die älteren Stadtteilbewohner: innen bei der Bewältigung ihres Alltags unterstützt.
Die Einbettung in den Sozialraum vor Ort findet zuvorderst über die dort etablierte Vereins- Sozialarbeits- und Pflegelandschaft statt. Derartige strategischen Partner:innen sind unser Kernzugang zur Zielgruppe.
Umsetzung
Nach der Projektaufbauphase, in der wir den Teamaufbau vorangetrieben, ein gemeinsames Verständnis von QuartierPflege unter den kooperierenden Partner:innen erarbeitet und die genaue Vorgehensweise im Team Pflegelots:innen abgestimmt haben setzen wir den Piloten bis Mai 2026 um.
Die QuartierPflege am Standort Leipzig hat sich zu einem Begegnungsort entwickelt, der allen Zielgruppen - seien es Pflegebedürftige, pflegende Angehörige oder Nachbar:innen - eine maßgeschneiderte Beratung zu ihren Anliegen durch das Team Pflegelots:innen vor Ort bietet:
mögliche Unterstützungsleistungen;
Voraussetzungen für die Inanspruchnahme von Pflegeleistungen;
Organisation vor Ort kostenlose Pflegeberatung zur Beantragung des Pflegegrades, Höherstufung bei zunehmender Pflegebedürftigkeit etc.;
Entlastungsangebote für Angehörige;
Qualitätssicherung der Versorgung durch unterstützende Nachbar:innen;
Schulung der Nachbar:innen;
Mitwirkungsmöglichkeiten für Nachbar:innen;
Vertragliche Einbindung und Vergütung von Nachbar:innen;
Gemeinschaftsaktivitäten und Veranstaltungen mit Quartiersakteuren.
Die Bildung und Begleitung von Sorgegemeinschaften gehört zur Kernarbeit der Pflegelots:innen vor Ort. Diesen Prozess haben wir im Rahmen der QuartierPflege standardisiert, um zu einer nachhaltigen und verlässlichen Versorgungssicherheit für die pflegebedürftigen Menschen in Quartieren zu kommen.
Bisher wurden zahlreiche Sorgegemeinschaften gebildet, an denen sich mehr als 150 Personen beteiligen. Die Einsatz- und Versorgungsplanung wird nach umfassenderen Erstgesprächen des Fallmanagements mit den Betroffenen, ihren Angehörigen und Nachbar:innen erstellt. Nach den ersten Einsätzen erfolgt eine Abstimmung mit allen drei Zielgruppen, um eine mögliche Überforderung der Nachbar:innen zu vermeiden, die Form der Unterstützung besser auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen abzustimmen und damit die Angehörigen entsprechend zu entlasten. Die pflegebedürftigen Personen erhalten derzeit im Rahmen der QuartierPflege Unterstützung von zwei oder mehr Nachbar:innen, je nach Pflegegrad und der damit einhergehenden Form und Umfang der benötigten Hilfe.
Die Nachbar:innen der QuartierPflege stellen eine heterogene Gruppe dar, die sich hinsichtlich beruflichem Hintergrund, Alter, Herkunft, Lebenssituation, Form des Engagement etc. charakterisiert. Momentan sind als Nachbar:innen Rentner:innen, Studierende und Allziehende mit dabei. Einige der Nachbar:innen, die bereits über die benötigte Qualifizierung verfügen, werden unter Anleitung durch Pflegelots:innen sofort eingesetzt, andere werden über kooperierende Partner:innen vor dem Einsatz geschult. Die vertragliche Einbindung und Vergütung der Nachbar:innen wird durch Pflegelots:innen koordiniert und über kooperierende zugelassene Pflegedienstleister abgewickelt.
Um die Qualität der Versorgung zu sichern, werden mehrere Maßnahmen ergriffen. Die regelmäßig von Pflegelots:innen organisierte Austauschrunde für Nachbar:innen sowie die Pflegebedürftigen ist dabei eine der wichtigen Nachsorgemaßnahmen. Austauschrunden fördern den sozialen Zusammenhalt und stärken auch das Vertrauen zwischen allen Mitwirkenden. Die Nachbar:innen bringen ihre Erfahrungen und Ideen ein, was dazu beiträgt, die Unterstützung für die Pflegebedürftigen zu verbessern und individuell anzupassen. In einem geschützten Rahmen können Ängste und Unsicherheiten besprochen werden
Bauliche Veränderungen im Quartier
Soziale Teilhabe durch Architektur
© Ahrendt & Indlekofer | HTWK 2022
Gemeinsam mit der HTWK Leipzig entwickeln wir für die beiden Quartiere bauliche Anpassungen, um Areale für mehr Gemeinschaft und soziale Teilhabe zu schaffen.
Über neue Gemeinschaftsareale sollen sich die von uns angestoßenen Netzwerk-Effekte verstärken. Zudem können neue professionelle Dienstleistungsformate, etwa Gemeinschaftstermine für Frisöre, Kochen oder Fußpflege, vor Ort stattfinden.
Durch die Anpassungen in den Quartieren werden ganz neue Versorgungsstrukturen und Übergänge zwischen nachbarschaftlicher Pflege und professionellen Dienstleistern entstehen können - so unsere Vision.
Neue Konzepte durch Master-Studierende der HTWK
Wir haben gemeinsam mit der HTWK im Wintersemester 2021/2022 in einer Klasse von 25 Studierenden Konzepte erarbeitet wie wir die QuartierPflege unterstützen können.
Neun verschiedene Entwürfe sind erarbeitet worden, von denen wir einige hier ausschnittsweise präsentieren. Ziel ist es, innerhalb der nächsten ein, zwei Jahre erste Ideen umzusetzen.
Eine Arbeit präsentieren wir als vollständigen Entwurf, weil wir die universelle Anwendbarkeit auf alle Quartiere, die hohe Umsetzbarkeit und die Detailanalyse für unsere beiden Kleinquartiere sehr gut veranschaulicht sehen.
Gerne hier klicken oder auf Bild.
@ Härcher & Sander | HTWK 2022
©Choi & Kurth | HTWK 2022
© Ahrendt & Indlekofer | HTWK 2022
