Schicksale statt Schlagzeilen

 Titel: essen statt vergessen: deep down the rabbit hole

Titel: essen statt vergessen: deep down the rabbit hole

Schlagzeilen oder Schicksale

Ich habe keine Lust mehr auf Nachrichten. Schwammig formulierte Schlagzeilen verwirren. Beiläufig wird über den Tod von Zivilisten berichtet, natürlich Fußball und welcher Prinz jetzt welche Bürgerliche geehelicht hat.

Eine Flut von schlechten Nachrichten steht direkt neben Banalitäten und überfordert mich.
Sie erzeugt in mir das ohnmächtige Gefühl als Kleinstteilchen dieser knapp 7,5 Milliarden
großen Weltbevölkerung letztendlich nichts ausrichten zu können. Alle Rettungsaktionen
und Schlichtungsversuche wirken wie eine hilflose Reaktion auf Ursachen, die niemand
mehr durchschauen kann. Dass die Zeit drängt, wenn wir Menschenleben retten wollen,
verstärkt den Druck nur. Also lieber keine Nachrichten mehr. Oder? An dieser Stelle möchte ich einen kleinen gedanklichen Umweg gehen und fragen:

Müssen wir hassen, um zu wissen was wir nicht wollen

Eigentlich kann doch ein Individuum, welches sich durch äußere Gegebenheiten wie zum Beispiel Feindbilder definiert, nie frei sein. Um in dieser Welt wirken zu können, müssten wir doch aus uns selber heraus frei und ungebunden handeln wollen. Wenn wir in uns nach diesen Qualitäten auf die Suche gehen, uns fragen wer wir sind und was nur wir an Fähigkeiten mitgebracht haben, können wir vielleicht einen zarten Keim unserer eigenen Identität finden. Diesen zu lieben und zu pflegen ist unsere Aufgabe. Ist der Keim stark geworden, können wir aus uns selbst heraus bewusst in die Welt treten.

Diese Kraft zu sich zu stehen, ist auch eine, die sagen kann: Ich beuge mich nicht dem Druck unserer Angstgesellschaft. Ein bisschen mehr "Ich" zu werden und authentisch zu sein, ist nicht nur eine Idee, sondern muss Realität werden. Ich will den Mut fassen, mich der Welt zu stellen. Ich möchte erkennen, dass ich nicht alleine bin mit meiner Suche nach dieser Kraft. Ich hoffe, wir sind eine Gemeinschaft aus Suchenden.

In meiner Schulzeit an einer Waldorfschule habe ich die freien Schulen bis auf Landesebene vertreten. In dieser Zeit habe ich mich viel mit unserem Bildungssystem auseinandergesetzt und mit der Frage, ob Schule allgemein Gemeinschaftsbildung fördert oder unterdrückt. Es wird schnell offensichtlich, dass unser Bewertungssystem Einzelkämpfer fordert und die Bildung von Eliten nach sich zieht. Genauso bedeutet die Schwerpunktsetzung auf kognitive Leistung oder die Trennung der Klassen nach der Grundschule, dass handwerklich oder sozial begabte Kinder eine viel geringere Chance auf Anerkennung haben. All diese Dinge sind für mich in Frage zu stellen wenn ich behaupte: Zukunft heißt Gemeinschaft.

Eine Gemeinschaft freier Individuen

Wollen wir uns frei nennen, sollten wir beginnen den Freiheitsbegriff weiter zu denken als bis zu einem „Ich kann machen was ich will“. Freiheit bedeutet auch Verantwortung und die Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Es geht in nicht um das Wollen, sondern um das Handeln.

Freiheit bedeutet Verantwortung

Unter diesem Blickwinkel stellt sich die Frage nach Engagement in der Welt für mich nicht mehr als "Warum?" sondern als "Wie?". Ich bin sicher, dass dort draußen Aufgaben auf mich warten und vielleicht bedeutet das Wort Berufung nicht, meine Aufgabe zu finden, sondern den Ruf der Dinge zu hören, die getan werden müssen.

Schade nur, dass ich das Interesse für diesen Ruf in meiner Generation selten finden kann. Viel zu oft sind politische Diskussionen eher Spaßbremser, ist es doch um einiges amüsanter, über Heidis neue Mädchen oder die coolsten Schuhe und Trends zu urteilen. Eine Ursache für dieses aus Druck und Angst entstandene Desinteresse gegenüber wesentlichen Dingen ist für mich wieder in der Bildung zu finden. Wir leben in einem Zeitalter, in welchem Faktenwissen problemlos über das Internet abgerufen werden kann. Würde das ganze Auswendiglernen aus dem Lehrplan gestrichen werden, entstünde plötzlich ein riesiges Zeitfenster mit dem Potential, die Denk- und Empathiefähigkeit der Schüler zu wecken.

Wir müssen Bildung neu denken.

Und diese Fähigkeiten brauchen wir gerade jetzt, denn auf uns kommen definitiv Probleme zu. Ressourcenkriege, Übervölkerung und Klimawandel sind nur die Spitze eines gigantischen Eisberges. Es ist an der Zeit, uns als die Generation zu erkennen, die mit diesen Problemen umgehen muss. Wir sollten uns endlich zutrauen kreative, freie und menschliche Individuen zu werden.

Aber wie kann ich das werden und ein Stück weiter in diese Aufgabe hinein wachsen? Ich habe an mir selber erlebt, wie mein Interesse und meine Fragen von ganz alleine kommen, wenn ich den Menschen begegne, deren Schicksale mit den Schlagzeilen aus den Medien verbunden sind.

Wir müssen deshalb auch offener und neugieriger werden, weniger urteilen und mehr fragen. Wie ist es, in einem Frankreich zu leben, das gegen die Angst vor neuen Terroranschlägen
ankämpft und im nationalen Notstand ist? Wie ist es, wenn man als vierzehnjähriger Georgier miterleben muss, wie die Russen während der olympischen Spiele 2008 in die Hauptstadt einmarschieren und Bomben fallen? Wie ist es, die Spaltung eines Landes mitzuerleben, welche 2013/14 in den ukrainischen Bürgerkrieg geführt hat?

Fragen wie diese müssen wir uns stellen, müssen wir den Menschen stellen, die es betrifft, um die Politik nicht mehr nur als Schlagzeile in der Zeitung, sondern als einschneidenden Vorgang wahrzunehmen. Als Vorgang, der uns alle berührt und den wir nur gestalten können, wenn wir uns gemeinsam interessieren und aneinander Anteil nehmen. Diesen Gemeinsinn müssen wir entwickeln, wenn wir die Herausforderungen, die die Zukunft an uns stellen wird, meistern wollen.

 

Bildquelle: © Florian Kiel

Grüne Banker – bequem und satt?

Waffen und Polittheater