Bauliche Veränderungen
Warum Raum zählt
Bauliche Veränderungen sind ein eigenständiger Bestandteil der QuartierPflege. Ihr Zweck ist konkret: Sie schaffen die räumlichen Voraussetzungen dafür, dass Nachbar:innen sich mobilisieren lassen, dass Menschen mit Pflegebedarf am Quartiersleben teilhaben können und dass das Modell im Ort physisch spürbar wird.
Die Logik dahinter: Wer genügend Nachbar:innen für eine pflegerische Grundversorgung gewinnen will, braucht Begegnungsanlässe. Wer Pflege aus der Unsichtbarkeit holen will, braucht Orte, an denen sie stattfindet. Und wer möchte, dass ein Quartier sich als Sorgegemeinschaft versteht, muss das auch baulich zeigen. Wo diese Orte fehlen, bleibt Pflege unsichtbar und Menschen bleiben allein.
Die QuartierPflege denkt bauliche Veränderungen deshalb in drei Dimensionen: kleinräumliche Eingriffe, die schnell umzusetzen sind; Knotenpunkte, die das Quartier dauerhaft verankern; und neue Wohnformen, die das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Pflegebedarf neu ordnen.
Die baulichen Maßnahmen der QuartierPflege lassen sich in drei Ebenen einteilen — je nach Größenordnung, Aufwand und Wirkung:
Kleinräumliche Eingriffe sind punktuelle Anpassungen, die innerhalb weniger Monate umsetzbar sind: eine Bank, ein Hochbeet, ein Schild. Ihr Effekt ist sofort spürbar — sie laden ein, schaffen Anlässe und bauen Barrieren im Quartier ab.
Knotenpunkte sind zentrale Orte, die das Quartier langfristig strukturieren: ein Fahrradstop, ein Bewegungspark, eine mobile Küche, ein Einkaufsstützpunkt. Sie bündeln Angebote, schaffen Sichtbarkeit und geben der QuartierPflege ein Gesicht im öffentlichen Raum.
Wohnformen greifen tiefer in die Lebensrealität ein: ambulante Pflege-WGs, Mehrgenerationenhöfe, der Zusammenschluss benachbarter Häuser zu einer gemeinsamen Versorgungsstruktur. Sie ermöglichen ein würdevolles Altern im vertrauten Umfeld — ohne Heim, ohne Isolation.
Die Übergänge zwischen diesen Ebenen sind fließend. Ein Fahrradstop kann der Beginn eines Knotenpunkts sein. Eine Plauderbank kann der erste Schritt zur Aktivierung eines Gebäudeleerstands sein. Entscheidend ist, dass alle drei Ebenen auf die gleichen Ziele einzahlen: Gemeinschaft stärken, Teilhabe sichern und Pflege aus der Unsichtbarkeit holen.
Kleinräumliche Maßnahmen
Die schnellsten Hebel sind oft die kleinsten. Wer einen Bahnsteig barrierefrei macht, ermöglicht Teilhabe. Wer eine Bank an den richtigen Ort stellt, schafft Begegnung. Die QuartierPflege nutzt dieses Prinzip, um in den Quartieren Schritt für Schritt spürbar zu werden — noch bevor größere Strukturen entstehen.
Die folgenden Objekte und Maßnahmen befinden sich in unterschiedlichen Umsetzungsstadien: Einige sind bereits im Quartier, andere in konkreter Planung oder Abstimmung mit Gemeinden und lokalen Partner:innen.
Eine Plauderbank ist eine schlichte Idee mit großer Wirkung: Sie steht an einem belebten Ort im Quartier, trägt das Logo der QuartierPflege und lädt ein — zum Sitzen, zum Reden, zum Ankommen. In Landsberg am Lech sind die ersten Plauderbänke bereits eingeweiht. Sie sind das erste sichtbare Zeichen der QuartierPflege im öffentlichen Raum. Für Pflegelots:innen bieten sie einen natürlichen Gesprächseinstieg: ein niedrigschwelliger Kontaktpunkt ohne Hürden. Für ältere Menschen sind sie schlicht eine Einladung, nach draußen zu gehen.
Ein erhöhtes, unterfahrbares und damit barrierefreies Hochbeet ermöglicht Gartenarbeit auch für Menschen im Rollstuhl oder mit eingeschränkter Mobilität. Es ist ein Ort der Tätigkeit und der Begegnung zugleich: Wer gemeinsam pflanzt und erntet, braucht keine Gelegenheit das Gespräch zu suchen — es entsteht von selbst.
Ein barrierefreier Trinkbrunnen ist eine kleine Maßnahme mit konkretem Nutzen: Er ermöglicht Dehydrierungsprävention, erleichtert die Medikamenteneinnahme im Freien und verlängert die Aufenthaltsdauer am Knotenpunkt. Für Menschen mit Rollstuhl oder Gehhilfe ist er oft der erste Ort, an dem sie merken: hier wurde an mich gedacht.
Knotenpunkte
Knotenpunkte sind Orte mit Ausstrahlung. Sie stehen nicht im Hintergrund, sondern im Zentrum des Quartierlebens — sichtbar, zugänglich, belebt. Für die QuartierPflege sind sie das, was ein Gemeindezentrum früher war: ein physischer Anker, der Angebote bündelt, Menschen anzieht und Vertrauen schafft. Die folgenden Knotenpunkte befinden sich in Planung oder konkreter Abstimmung mit Gemeinden und lokalen Partner:innen im Landkreis Landsberg am Lech.
Ein Bewegungspark schafft einen öffentlichen Raum, der alle Generationen anspricht. Calisthenics-Geräte, Balancierelemente, Inklusionsbarren, Sitzmöglichkeiten — das Angebot ist niedrigschwellig, kostenlos und barrierefrei zugänglich. Für die QuartierPflege ist der Bewegungspark mehr als eine Sportanlage: Er ist ein Treffpunkt, der ungezwungene Begegnungen fördert und Pflegelots:innen natürliche Gesprächseinstiegspunkte bietet.
In Scheuring entsteht im Rahmen eines umfassenderen Projekts ein solcher Park. Die Finanzierung ist durch Förderzusagen vom ALE und BSB gesichert, der Bebauungsplan beschlossen. Die QuartierPflege ergänzt das bestehende Konzept um pflegerisch relevante Elemente: Beschilderung für Mobilisierungsübungen (Schwerpunkte: Koordination, Gleichgewicht, Sturzprophylaxe), barrierefreie Geräte, Sitzmöglichkeiten, Wasserspender und Sonnenschutz. Damit ist der Bewegungspark das am weitesten fortgeschrittene Knotenpunkt-Projekt und zeigt, wie kommunale Infrastrukturplanung und QuartierPflege zusammenwirken können.
Eine mobile Küche ist ein Ort des Kochens und des Zusammenkommens. Sie kann an verschiedenen Plätzen im Quartier eingesetzt werden, schafft Aufmerksamkeit und bietet niedrigschwellige Information über die Angebote der QuartierPflege. Für ältere Menschen, die alleine essen, ist sie auch ein direktes Versorgungsangebot.
Ein lokaler Einkaufsstützpunkt — ob als kleines Depot, als Abholort für Lieferungen oder als Treffpunkt für gemeinschaftliche Einkaufsfahrten — schafft Regelmäßigkeit. Er bündelt Lieferfahrten, reduziert Isolation und macht ältere Menschen zum sichtbaren Teil der Gemeinde. Gleichzeitig ist er ein natürlicher Anlaufpunkt für Pflegelots:innen.
Wohnformen
Die größte Frage in der Pflege ist auch die persönlichste: Wo will ich alt werden? Für die meisten Menschen lautet die Antwort: Zuhause, im vertrauten Umfeld, mit bekannten Gesichtern. Die QuartierPflege nimmt diese Antwort ernst — und entwickelt Wohnformen, die genau das ermöglichen.
Die folgenden Beispiele zeigen, wie bestehende Gebäude und Strukturen im Quartier genutzt werden können, um neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens mit ambulanter Pflege zu schaffen. Alle Visualisierungen basieren auf realen Gebäuden und Grundstücken im Landkreis Landsberg am Lech, die im Rahmen von Begehungen mit lokalen Partner:innen als mögliche Standorte identifiziert wurden. Die Darstellungen zeigen Konzept-Szenarien, die in enger Abstimmung mit Gemeinden und Investor:innen weiterentwickelt werden.
Damit solche Projekte finanziell tragfähig werden, braucht es passende Förderstrukturen. Gemeinsam mit der Sparkasse Landsberg-Dießen wird derzeit ein Förderprogramm für ambulante Pflege-WGs im Landkreis vorbereitet. Das Ziel: Investitionen in bauliche Umnutzung für Menschen mit Pflegebedarf wirtschaftlich abbildbar machen. Sollte dieses Programm erfolgreich umgesetzt werden, könnte es als Vorlage für vergleichbare Förderstrukturen in anderen Landkreisen dienen.
Vilgertshofen — Außenansicht Pfarrhof
Umbau von Leerstand zur ambulanten Pflege-WG
Viele Dörfer haben leerstehende Gebäude mit Geschichte: alte Pfarrhöfe, Gendarmeriegebäude, ehemalige Wirtshäuser. Diese Substanz eignet sich oft gut für eine Umnutzung zu barrierefreien Pflege-WGs — mit 7 bis 8 Einzelzimmern, gemeinschaftlicher Küche und Gartenzugang.
Das folgende Bild zeigt ein Bestandsgebäude im Landkreis Landsberg, das als möglicher Standort für eine solche Nutzung in Frage kommt. Die eingezeichneten Illustrationen zeigen, wie das Gebäude belebt werden könnte.
Konzeptvisualisierung: Verbund zweier Einfamilienhäuser zur Pflege-WG
Zusammenschluss von Einfamilienhäusern
Zwei oder drei benachbarte Einfamilienhäuser, von denen eines leer steht, lassen sich durch einen Verbindungsbau zu einer ambulanten Pflege-WG zusammenführen. Diese Lösung ist besonders in gewachsenen Dorfstrukturen interessant: Sie erhält die äußere Erscheinung des Ortsbildes, schafft aber innen neue gemeinschaftliche Strukturen — mit bis zu 10 barrierefreien Einzelzimmern, Gemeinschaftsbereichen und geteiltem Garten.
Mehrgenerationenhof
Ein Mehrgenerationenhof nutzt vorhandene Hofstrukturen — Haupthaus und Nebengebäude — und schafft dadurch zwei unabhängige Wohneinheiten, die zusammen als Pflegehof funktionieren. Hier leben verschiedene Generationen gemeinsam, unterstützen sich gegenseitig und werden durch das lokale QuartierPflege-Netzwerk ergänzt.
Das Konzept ist besonders interessant für Orte mit landwirtschaftlicher Geschichte, wo Höfe oft leer stehen und gleichzeitig viel Potenzial für gemeinschaftliches Leben bieten.
Entwicklung und Ausblick
Bauliche Veränderungen in der QuartierPflege haben eine kurze, aber dichte Geschichte. Der Anfang lag in Leipzig.
2021/22 — Konzeptphase Leipzig (HTWK)
Das konzeptionelle Fundament für bauliche Veränderungen in der QuartierPflege wurde in Leipzig erarbeitet. Im Wintersemester 2021/22 entwickelten 25 Masterstudierende der HTWK Leipzig in einer eigens dafür eingerichteten Lehrveranstaltung Entwürfe für zwei Kleinquartiere — die Messemagistrale und die Südvorstadt.
Neun verschiedene Entwürfe entstanden in dieser Kooperation. Ein vollständig ausgearbeiteter Entwurf überzeugt durch seine universelle Anwendbarkeit: Er analysiert die spezifischen Gegebenheiten beider Quartiere und zeigt, wie bauliche Anpassungen gezielt Netzwerkeffekte der QuartierPflege verstärken können. Die Studierenden entwickelten dabei u. a. Konzepte für neue Gemeinschaftsareale, die professionelle Dienstleistungen wie Gruppenbesuche von Friseuren, Fußpflege oder Kochveranstaltungen in das Quartier integrieren.
Diese Arbeit legte den Grundstein für das heutige Verständnis: Bauliche Veränderungen sind kein Anhang der QuartierPflege, sondern ein eigenständiger Wirkungshebel. Was in Leipzig konzeptionell erarbeitet wurde, wird seit 2024 in Landsberg am Lech und Scheuring erstmals umgesetzt. Die vollständigen Entwürfe und weiterführende Informationen sind auf der Projektseite Leipzig zu finden.
→ Mehr zur wissenschaftlichen Begleitung und den HTWK-Entwürfen: Pilotprojekt Leipzig
2024/25 — Umsetzungsplanung Landsberg am Lech
Mit dem Start des Piloten im Landkreis Landsberg am Lech wurde die bauliche Dimension erstmals konkret: Bei Begehungen mit Gemeindevertreter:innen wurden mögliche Standorte für Pflege-WGs identifiziert. Erste Objekte wurden visualisiert. Ein Rahmenkonzept für kleinräumliche bauliche Maßnahmen entstand.
Die ersten Plauderbänke wurden in Landsberg am Lech eingeweiht. Sie sind der erste sichtbare Schritt der QuartierPflege im öffentlichen Raum des Landkreises. Weitere kleinräumliche Maßnahmen folgen: Sitzbuchstaben, Boulderwände, Sport- und Mobilitätsanlagen.
2025/26 — Bewegungspark Scheuring und Förderstruktur
In Scheuring nimmt der Bewegungspark Form an: Bebauungsplan beschlossen, Förderzusagen vom ALE und BSB gesichert. Parallel wird mit der Sparkasse Landsberg-Dießen ein Förderprogramm für ambulante Pflege-WGs vorbereitet — mit dem Ziel, die Finanzierung von Umbaumaßnahmen für Investor:innen tragfähig zu gestalten.
Ausblick: Übertragbarkeit und nächste Standorte
Mit dem Kreistagsbeschluss vom Dezember 2025 wird die QuartierPflege im Landkreis Mayen-Koblenz aufgebaut. Dabei werden auch die baulichen Erkenntnisse aus Landsberg und Leipzig auf einen neuen Standort übertragen. Erste Erfahrungen zeigen bereits, welche Elemente übertragbar sind: Die Drei-Ebenen-Logik (kleinräumliche Eingriffe, Knotenpunkte, Wohnformen) hat sich als Planungsrahmen bewährt. Plauderbänke und Beschilderungen lassen sich mit geringem Aufwand an lokale Gegebenheiten anpassen. Knotenpunkte und Wohnformen erfordern dagegen eine enge Abstimmung mit kommunalen Strukturen und lokalen Finanzierungspartnern.
Die zentrale Frage für die nächste Phase lautet nicht mehr, ob bauliche Veränderungen zur QuartierPflege gehören, sondern wie sie an jedem neuen Standort am effizientesten umgesetzt werden können.
