Die deutsche Leitkultur - ein nationalistisches Märchen

 Titel: christlich, morgenländisch angekratzt

Titel: christlich, morgenländisch angekratzt

„Kultur ist die Gesamtheit aller Formen der Kunst, der Liebe und des Denkens, die, im
Verlaufe von Jahrtausenden, dem Menschen erlaubt haben, weniger Sklave zu sein.“
André Malraux

Die deutsche Leitkultur ist eine „Retropie“.

Die deutsche Leitkultur ist eine „Retropie“. Retro und das Gegenteil einer Utopie. „Wir sind nicht Burka“ ist genauso widersinnig wie der Ruf nach dem Grundgesetz. In der modernen Rhetorik nennt man so etwas den Fehlschluss der falschen Alternative. Wer „a“ sagt, muss nicht „b“ sagen, auch wenn die deutsche Märchenkultur etwas Anderes lehrt. Leitkultur vs. Grundgesetz – das ist so, als würde man das Deutschtum der Lederhose gegen den großen Habermas stellen. Leitkultur wird missbraucht als hoch vermintes ideologisches Kampfvokabular aus dem Arsenal derjenigen, die ihre Uniform direkt nach der verbalen Brandstiftung an der Garderobe der Weltpolitik abgeben. Und das Grundgesetz entfaltet keine unmittelbare Drittwirkung zwischen den einzelnen Menschen, sondern konstituiert primär subjektive Abwehrrechte des Individuums gegen den Staat.

Wir leben in einer Aufregungsdemokratie

Wenn es um die Leitkultur geht, sitzt die rhetorische Eskalationsschraube derzeit ziemlich locker im deutschen Politikgetriebe. Das zeigt ein kurzes Brainstorming des „deutschen Gehirns 2017“ quer durch die mediale Landschaft: In großsprecherischer Rhetorik wird ein emphatisches Theater des Alltäglichen zum Tosen gebracht. Die Dramen und Tragödien des Alltags – Massengräber im Mittelmeer, Bestplatzierung im Ranking der Waffenexporte, Terror oder Leitkultur – sind stets vom Sensationellen und Obszönen überhöht und durchzogen, damit sie sagbar werden. Ihre Lebensdauer und Strahlkraft sind so kurz wie das Aufflammen eines Streichholzes im Winde. Das liegt daran, dass sich die bürgerlichen Wahrnehmungsrezeptoren verändert haben. Wir leben in einer Aufregungsdemokratie der unentwegten Skandalisierung, einer Art Eventgesellschaft, in der wir per Mausklick von einem Kick zum nächsten rasen:

  • „Wir schaffen das“ – erst Ausdruck humanitärer Verantwortung; dann verlängerte Wochenenden in Dresden; jetzt Afrikanisierung der europäischen Außengrenzen und anatolische „Entsorgung“.
  • Silvesternacht in Köln – bigottes Aufheulen bei arabischen Nafri-Grapschern in einem Deutschland, in dem vor nicht langer Zeit die Vergewaltigung in der Ehe, der Schwulenparagraph oder das Arbeitsverbot für Frauen grundgesetzkompatibel waren.
  • Nachbarschaftliches Gemeinschaftsverhältnis – tolle Sache, wenn man mal den Haustürschlüssel verschludert hat; aber bitte keinen Boateng.
  • Supermarkt-Avocado – grün, instagram-tauglich; ein Anlass, auch mal jenseits der Fußballweltmeisterschaft einen Gedanken an Brasilien zu verschwenden.
  • Jugend von heute – ändert ihr Facebook-Profilbild bei Attentaten, ist politically correct; aber Tür aufhalten und im Zug für alte Leute Platz machen verschwinden aus der Verhaltensmatrix.

Wer sind die Deutschen und wer ist Europa?

All das zeigt zwar: Der soziokulturelle Politdiskurs ist mehr Wirkung als Ursache. Nichts davon zeigt aber, was denn nun typisch deutsch ist: Na gut, wir Deutschen lieben Rasen. Mähen und schnelles Fahren auf der Autobahn. Wir lieben Pünktlichkeit. Zumindest außerhalb des Schienenverkehrs. Und?

Ach, welch ein Leid mit dieser Leitkultur. Gerade in globalen und digitalen Zeiten. Um uns herum die Gravitationszentren politischer Weltbeben, die vor Landesgrenzen nicht haltmachen. Europa scheint einer demokratischen Amnesie anheim gefallen und hat vergessen, dass sein Reichtum und Machtvorsprung auf einer mörderischen Geschichte gebaut sind. Ein Europa, zwei Jahrhunderte entfernt vom Manchester-Kapitalismus, durch die Kapitalströme zu einem Jammertal des beispiellosen Wohlstands emporgestiegen, durch die Menschenströme zur Re-Nationalisierung und Entsolidarisierung hinabgesunken. Aber eine Kultur, die Angst hat vor anderen Kulturen?

Wo alles messbar wird, leidet die Kultur

Man muss wissen: Kapitalismus, Globalisierung und Digitalisierung operieren mit den von den Romantikern verhassten „Zahlen und Figuren“. Der Wahn der Messbarkeit und Quantifizierung ist größer denn je. Alles wird mit allem vergleichbar. Geld hat eine ähnlich gleichmacherische Wirkung wie das Internet und bedeutet die Einebnung sämtlicher regionaler, religiös-traditiver, familiär-konservativer Disparitäten und den Aufstieg eines scheinbar absoluten Wertungsmaßstabes. Wir sehen also zwei Facetten kultureller Vielfalt: Internationalisierung und Nivellierung. Die Zentren unserer Städte sehen allerorts gleich aus, leiden am Stuttgart-Syndrom des Verkehrsinfarktes. Gleichzeitig boomen Denkmalschutz und Altstadt-Tourismus. Ein interessantes Nebeneinander, das zeigt, dass Bewahren und Verändern keine Gegensätze sind, sondern Zeichen der Kontinuität und Modernität. Kultur ist immer auch Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Das Problem ist nur, dass Kunst, Kultur und Moral kein Bestandteil des bürokratischen Systems sind, da sie sich der Messbarkeit entziehen. Es gibt eine Obergrenze für Getreideexporte und Steuern, aber nicht für fliehende Menschen. Die messbare Seite der Welt ist lediglich die messbare Seite der Welt. Kultur, philosophische Haltung und werte-geleitete Politik werden weder durch Dampfmaschinen noch durch Kernspaltung oder das Silicon Valley erzeugt. Zum ersten Mal stehen wir, der „Westen“, der wir uns ironischerweise für den Normalfall, das einzige Erbe der Aufklärung halten, vor einem radikalen Reset.

Die Frage, wie wir leben wollen, beantwortet eine Leitkultur nicht.

Wir stehen vor der globalen Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts: Wie wollen wir leben? Und wer sich nicht zumutet, sich dieser Frage zu stellen, der landet schnell bei: War früher nicht alles besser? Das ist der Keim der Blütezeit des Populismus in einem politischen Milieu des großen Unbehagens. Ein idealer Nährboden für die Leitkultur, eine emotionale Parallelwelt, die auf dem Fundament nationaler Heimat und Geborgenheit in der längst überholten Kleinstruktur fußt. Dank negativer Mobilisierung gegen irrational-konstruierte Feinde – mit Vorliebe Ausländer – stilisieren sich die Le Pens und Trumps dieser Welt zu Sinnstiftern, die den Feind mobilisierungsträchtig identifizieren. Bewusstsein und Sprache sind die letzten verbliebenen Machtinstrumente in einem Europa, das für Frieden und Gewaltlosigkeit optiert hat. Aber was die Befürworter einer sogenannten Leitkultur nicht auf dem Erkenntnisschirm haben, ist der einfache Umstand, dass Kultur nicht statisch, sondern stets entwicklungsoffen und dynamisch im Werden begriffen ist. Kultur ist nicht, sie wird auch nicht. Kultur „ist“ durch ihr Werden und „wird“ durch ihr Sein. Etymologisch bedeutet der lateinische Begriff der „cultura“ in etwa „Pflege“ (Man beachte, dass „etymologisch“ griechisch und „cultura“ lateinisch ist. Wird Leitkultur dadurch bereits ad absurdum geführt?). Pflege impliziert ein dynamisches Moment: das des Pflegens. Kultivieren bedeutet also pflegen. Konservative übersetzen das meist mit „bewahren“ oder „festhalten“, im Sinne der Traditionspflege, als wäre Kultur wie in einer Konservendose für alle Zeiten unveränderlich aufzubewahren. Hanebüchener Unsinn! Kultur ist ein Prozess und wird gestaltet durch die in ihr sich bewegenden Menschen. Auch die Tatsache, dass stets mindestens drei bis vier Generationen gleichzeitig leben, lässt fragen, wer oder was hier eigentlich wen leitet?

Alternativen zur Leitkultur

Man könnte also versuchen, die begriffliche Mogelpackung der Leitkultur durch einen anderen, treffenderen Begriff zu ersetzen. Integration zum Beispiel? Aber das ist ein ursprünglich technischer Begriff, der zugrunde legt, dass man mit ein wenig Öl und der ein oder anderen Schraube ein funktionstüchtiges Ganzes generieren könnte. Das Ganze ist aber bekanntlich mehr als nur die Summe seiner Teile. Oder Toleranz? Aber „Ich toleriere Dich“, darin steckt ein hierarchisches Über-Unter-Ordnungsverhältnis. Multikulturalismus? Nein, Multikulturalismus ist kein „-ismus“, sondern eine gewachsene Realität in Deutschland. Indem ich es aber zur Ideologie („-ismus“) deklariere, deklariere ich es zur These, die ich verwerfen kann, ergo, ich kann die Realität verwerfen.

Nicht neue Landschaften suchen, sondern neue Augen bekommen

Der Verweis auf die Leitkultur ist nur ein Vehikel, ein Instrument, ein Alibi, um einen verbrämten Nationalismus als Subtext für eine historisch nicht gebildete Klientel greifbar zu machen. Wir können nicht zurück zum Nationalismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wilhelminisch und ostgetränkt, der zu zwei Weltkriegen geführt hat. Das ist die Illusion der Ewiggestrigen, die klischeehafte Folklore politischer Stammtische. Es gibt nicht mehr das Volk, es gibt nur die Völkerfamilie. Es gibt nicht eine Einheit, es gibt nur Vielfalt. Es gibt nicht die Leitkultur, es gibt nur eine kosmopolitische Weltkultur. Wir brauchen endlich einen Diskurs darüber, was wir begehren und wie wir leben wollen! Dieser Diskurs darf nicht mit der Leitkultur enden, sondern allenfalls bei ihr beginnen. Lasst uns gemeinsam auf eine Entdeckungsreise gehen, von der schon Proust wusste, dass sie nicht darin besteht, nach neuen Landschaften zu suchen, sondern neue Augen zu bekommen.

 

Bildquelle: © Florian Kiel

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